Politik mit Gefühl
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Gastbeitrag von Achim Stephan Politik mit Gefühl

Der Begriff des Postfaktischen erklärt Gefühle zu einem Gift, das uns den Verstand vernebelt – zum Gegenteil der Aufklärung. Dabei sind Emotionen die mächtigsten Indikatoren des gesellschaftlichen Befindens.

Gefühle an sich sind nicht das Problem in der derzeitigen politischen Lage – der ausgeschaltete Verstand ist es.

Quelle: Montage: RND, Fotos: Fotolia

Osnabrück. Gefühle sind in Verruf geraten. Es heißt, ein Kennzeichen sogenannter postfaktischer Politik sei es, dass sie sich auf Gefühle, nicht aber auf Fakten beziehe, was die Preisgabe aller Errungenschaften der Aufklärung bedeute. Damit tut man Gefühlen, also Emotionen oder Stimmungen, unrecht. Denn die meisten Emotionen beziehen sich selbst auf die Welt: auf Ereignisse, Situationen oder andere Menschen. Tun sie das nicht oder verdient das, worauf sie sich beziehen, nicht die korrespondierende emotionale Reaktion, so sind sie unangemessen.

Gefühle an sich sind daher nicht das Problem – der ausgeschaltete Verstand ist es. Betrachten wir dazu drei Akteure im politischen Diskurs: die Adressaten postfaktischer Rhetorik, die Meister dieser Rhetorik und die von ihr Angewiderten. Gäbe es nicht eine hinreichend große Gruppe möglicher Adressaten, hätten die Trumps, Le Pens oder Farages dieser Tage keinen Resonanzkörper. Und wenn diese Meister der Unsachlichkeit die Stimmungen ihrer Adressaten bespielen, dann wissen sie genau, was sie tun.

Sie verstärken mit ihrer Rhetorik Einstellungen, die bereits vorhanden sind, und deren Adressaten es hauptsächlich um eine Verfestigung ihrer Haltungen geht und nicht um deren kritische Überprüfung. Die von solchen Inszenierungen Angewiderten empören sich sowohl über bewusst eingesetzte Fehlinformationen als auch über diejenigen, die den Urhebern dieser Nachrichten blind zu folgen scheinen. Aber woraus erwachsen Stimmungen, die so leicht rhetorisch missbraucht werden können?

Stimmungen sind der Hintergrund unseres Erlebens

Emotionen sind höchst hilfreiche kognitive Fähigkeiten. Sie orientieren uns blitzschnell über Ereignisse, die für uns wichtig sind, und mobilisieren uns. In der Furcht spüren wir, was uns gefährlich werden könnte, und sind sofort bestrebt, der Gefahr zu entrinnen. Im Zorn nehmen wir das Handeln anderer als verletzend und schädigend wahr und sind bereit, dem entgegenzutreten und Widerstand zu leisten. Sobald wir erfolgreich eine emotional erregende Situation bewältigt haben, klingen die Emotionen ab – sie sind reguliert.

Im Unterschied zu Emotionen, die sich in der Regel auf konkrete Ereignisse beziehen, bilden Stimmungen den affektiven Hintergrund unseres Erlebens. Vor allem beständige existenzielle Stimmungen speisen sich daraus, wie es um einen insgesamt steht: ob das Leben zufriedenstellend verläuft, Perspektiven bietet. Aber auch heftige emotionale Erschütterungen oder mehrfach wiederkehrende emotionale Reaktionen können zu nachhaltig veränderten Grundstimmungen führen.

Muster wiederholen sich

Im politischen Geschäft sind emotionale Reaktionen nur selten adressierbar. Meist gibt es keine Handlungsmöglichkeit, die unmittelbar zu Veränderungen führt. Möglich bleiben zeitlich versetzte Ersatzhandlungen – die Wahl einer anderen Partei bei nächster Gelegenheit. Da politische Weichenstellungen längeren Bestand haben, sind sie geeignet, bei einem Teil der Bevölkerung, der diesen fremd gegenübersteht, immer wieder die gleichen negativen Emotionen hervorzurufen.

So führten der Nato-Doppelbeschluss und die Festlegung auf die Atomenergie in den späten Siebzigerjahren zu einem immer stärkeren Unbehagen in beachtlichen Teilen der Bevölkerung, das keinen Widerhall in den damals etablierten Parteien fand: Der Aufstieg einer neuen Partei, der Grünen, begann. Eine strukturell vergleichbare Situation entstand, als sich 2003 Rot-Grün daranmachte, die Agenda 2010 umzusetzen. Erneut gab es eine beachtliche Zahl an Mitbürgern, die ihrem Unmut nur dadurch Luft zu verschaffen glaubten, dass sie sich von allen damals etablierten Parteien ab- und der Linken zuwandten.

Die neueste Bewegung dieser Art bezieht sich auf Ressentiments gegenüber einem vermeintlichen Verlust an staatlicher Souveränität innerhalb der EU, der seit 1968 vollzogenen Liberalisierung unserer Gesellschaft und einer an humanitären Werten orientierten Flüchtlingspolitik. Ähnlich wie in den Krisensituationen zuvor, stehen auch hier keine etablierten Parteien zur Verfügung, die Unzufriedenen einzufangen, die sich auf teils abstoßende Weise Luft verschaffen.

Sorgen ernst nehmen

Gleichwohl sollte es für eine faktenorientierte Politik selbstverständlich sein, veränderte Grundstimmungen selbst als ein Faktum wahrzunehmen, insbesondere wenn davon auszugehen ist, dass die entsprechenden Sorgen eine breitere, wenn auch weniger lautstarke Basis in der Bevölkerung haben.

Während es mehr denn je wichtig ist, rückwärtsgewandten und geschichtsvergessenen Propagandisten entschieden entgegenzutreten, bedeutet verantwortliche Politik jedoch durchaus, kritisch zu prüfen, ob ein von einer breiteren Bevölkerungsgruppe geteiltes Unbehagen auf Fehlentwicklungen und Versäumnisse hinweist, denen entgegengewirkt werden kann, ohne dass damit eigene fundamentale Wertvorstellungen preisgegeben werden müssten.

Werden Sorgen ernst genommen, ist den Meinungsführern der Unsachlichkeit der Boden entzogen. Richtig verstanden impliziert aufklärerisches Denken, Gefühle von allen Seiten zu hinterfragen. Die Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, hat zu keiner Zeit verlangt, Gefühle zu ignorieren.

Zur Person: Achim Stephan ist Professor für Philosophie der Kognition an der Universität Osnabrück.

Von Achim Stephan

Osnabrück 52.2799112 8.0471788
Osnabrück
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